SOON (2)

Nach der Installation SOON, weiterhin hier im Schaufenster zu sehen, ist nun SOON (2), ein wandhängiges, graphisches Objekt, als weiterer Kommentar zum Thema Überwachung entstanden.

Anlass war der Aufruf der Piratenfraktion NRW zur Ausstellung „#SnowdenArt – Das Gesicht der Wahrheit“ im nordrheinwestfälischen Landtag, as seen on Twitter. Also bemühte ich wieder die 60 Jahre alte Schreibmaschine, stellte sie auf den 50jährigen Schreibtisch und tippte (mehrfach, bis ich zufrieden war) das Gesicht von Edward Snowden mit Nullen und Einsen herunter.

CIMG0295

Das Objekt besteht nun aus 3 gerahmten Durchschlägen, kaum erkennbar dahinterliegend die Kohlepapiere mit dem Negativ-Abdruck. Die drei einzelnen Bögen haben unterschiedliche handschriftliche (mit einem ebenfalls rund 60jährigen Druckbleistift geschriebene) Untertitel:

SOON, we will be back to pen and paper.
SOON, we will be back to typewriters.
SOON, we will be back to carbon copies.

Der erste Satz ist ein Zitat von Alan Rusbridger, Chefredakteur des Guardian, der darin den zukünftigen Umgang von Journalisten mit Informanten und Whistleblowern antizipiert.

Ganz bewusst habe ich die Umsetzung in Nullen und Einsen gewählt, noch bevor ich den entsprechenden Hinweis im Aufruf gelesen habe. Die sehr reduzierte Darstellung ermöglicht uns trotz aller Vereinfachung, den Dargestellten zu identifizieren. Auf andere Weise reduziert kennen wir die Person Edward Snowden: Von ihm selbst hören wir wenig, womit er sich beschäftigt, wie es ihm geht, wie ihn die Situation verändert … und ob er immer noch so ausschaut, wissen wir auch nicht wirklich. Gäbe es nicht diese immense Ansammlung von Nullen und Einsen in den Zigtausenden von ihm gesicherten digitalen Dokumenten, würden wir alle ihn überhaupt nicht kennen.

Auf den ersten Blick sehen die drei Durchschläge, natürlich, identisch aus. Da aber bei jedem Durchschlag vorne immer ein Blatt und ein Kohlepapier mehr zu durchdringen, dahinter immer ein Blatt und ein Kohlepapier weniger als Polster vorhanden war, verändern sich die einzelnen Zeichen von Durchschlag 1 bis 3: Sie werden immer fetter und gleichzeitig unschärfer. Ausserdem verändert sich die Wirkung von unterschiedlich starkem Tastendruck: Das Schriftbild ist auf dem ersten Durchschlag homogener, auf den weiteren sind immer deutlicher hellere und dunklere Bereiche zu erkennen. Zudem sind Unsauberkeiten im Kohlepapier sichtbar geworden. Same, same, but different.

Wie immer sagt eine Arbeit von mir nicht „So und so sehe ich das, bitte verstehen!“ sondern ich versuche, mit Attributen einen Raum zu öffnen, in dem die Frage  „Was fällt euch dazu noch ein … Assoziationen, anyone?“ schwebt.

Früher war das Anfertigen von Kopien mühselig und immer mit einem Qualitätsverlust verbunden. Die Auswertung, Filterung, Archivierung und Weitergabe der gewonnen Daten war aufwendig. Überwachung hatte zudem stets etwas mit persönlicher und/oder räumlicher Gegenwart zu tun. Aus all diesen Gründen konnte sie sich real auch nicht auf jede* erstrecken (theoretisch schon). Heute können Informationen verlustfrei kopiert und beliebig indiziert, verknüpft und gespeichert werden. Eine bewusste Auswahl, wessen oder welche Daten gezogen werden, würde nur mehr Mühe machen. Die technischen Möglichkeiten setzen die Grenzen.

Das Internet ist dabei, genauso wie Prozessoren oder Speichermedien, nur ein Werkzeug, das wie jedes Werkzeug auch missbraucht werden kann. Genauso wie die Werkzeuge, die ich für SOON verwendet habe und die bereits ein langes Leben hinter sich haben. Auch ihnen ist weder vorzuwerfen (noch ehrt es sie), welche Texte mit ihrer Hilfe jemals entstanden sein könnten. Von der Schreibmaschine und dem Druckbleistift weiss ich es nicht, von dem Schreibtisch dagegen schon: An ihm saß früher ein Ost-Berliner Historiker und Journalist, machte seine handschriftlichen Notizen, tippte auf seiner (nicht dieser) Schreibmaschine. Vermutlich schrieb er an diesem Tisch auch Berichte an das MfS; er war IM.

Mit den NSA-Dokumenten hat Edward Snowden die Verwendungsmöglichkeiten des Werkzeugs Internets, Stärken und Schwächen zugleich, der Welt überdeutlich vor Augen geführt. Und er hat die Existenz von flächendeckender digitaler Ausspähung  bis ins Allerprivateste von der vermuteten Möglichkeit zur Wahrheit gewandelt.

Ich glaube nicht, dass die Privacy-Thematik allein durch Technik und Politik hinreichend beantwortet oder gelöst werden kann, sondern dass auch die Gesellschaft gefragt ist. Also wir alle gefragt sind. Wir brauchen einen moralischen Konsens darüber, dass diese Kommunikationsüberwachung aka Kopieren, Speichern, Weiterverarbeiten (staatlich wie ökonomisch, #btw) aufhören muss. Genauso wie viele andere Dinge, die in der Menschheitsgeschichte von Mächtigen, Herrschenden, Regierungen irgendwann einmal gemacht wurden, inzwischen nicht mehr gemacht werden. Nicht nur, weil diese Dinge per Gesetz verboten sind oder durch technische Mittel verhindert werden, sondern weil wir uns alle einig sind: „Geht gar nicht.“

… damit wir nicht wirklich alle zu Bleistift und Papier, Schreibmaschinen, Kohlepapier und exklusiver Face-to-Face-Kommunikation zurückkehren müssen.

Assoziationen, anyone?

PS: Übrigens war es ein sehr eigenartiges Gefühl, mich so intensiv mit der abstrahierten Abbildung eines lebenden, mir persönlich fremden Menschen zu beschäftigen. Ich empfinde das im Prozess mitunter als übergriffig, besinne mich dann aber darauf, dass Kunst das durchaus darf. Eine scheinbar simple Arbeit ist eben doch nicht so einfach … von der notwendigen Konzentration beim seriellen Tippen – Korrekturen waren ja nicht möglich – ganz abgesehen. Challenge accepted, challenge achieved. SOON (2) ist inzwischen bei der Piratenfraktion im Düsseldorfer Landtag eingetroffen.

PPS: Danke, @maltis, für die tolle Idee, trotz des absurden Anlasses. Wofür eine Hausordung alles gut sein kann … ach.

SOON 2 entsteht

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5 Gedanken zu “SOON (2)

  1. Pingback: Inimicus inimici mei amicus meus est. | kultur propaganda

  2. Pingback: Aufruf: “Secrets and Type” | kultur propaganda

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