shadow.privacy

Installation von mir bei den 48 Stunden Neukölln, 23. – 25.06 2017.

Zu sehen in der Gruppenausstellung „Into the Light“ / in der Reihe Digitaler Schatten, PAS-03, Ganghoferstr. 12, 12043 Berlin-Neukölln
FR 19:00 – SA 01:00; SA 12:00 – SO 00:00; SO 12:00 – SO 19:00

Info im Festivalprogramm
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edward
TEXTE zur Installation aus dem FestivalprogrammHuch: Unsere Devices und Accounts speichern Schatten der Privatsphäre anderer. Die Queen of Typewriters installiert zum Thema Passwörter.Starke Passwörter hamse gesagt, meine Daten schützen hamse gesagt. Meine Daten? Eure Daten! Denn unsere Devices sind immer auch Teil der Privatsphäre anderer. Um diese „shadow privacy“ geht es in der Installation der Queen of Typewriters. Seit Wochen tippt sie eine lange Liste aus Zahlen und Wörtern auf einer Schreibmaschine. Mit der Liste und Würfeln (siehe http://world.std.com/%7Ereinhold/diceware) können zufällige, lange, gut merkbare Passphrasen erzeugt werden – besonders wichtig bei Verschlüsselung in, seufz, Zeiten geschäftlichen, kriminellen und staatlichen Schnüffelwahns. Auch im Festival wird die Aktivistin für Digitale Selbstverteidigung am Tippen sein, oben in der Ausstellung „Into the Light“ oder unten in den Straßen von Neukölln.
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Oops: Our devices and accounts contain shadows of other people’s privacy. An installation about passwords by the „Queen of Typewriters“.

Strong passwords they said, must protect my data they said. My data? Your data! Because our devices are relevant to other people’s privacy, too. This „shadow privacy“ is the subject of this installation by the „Queen of Typewriters“. Weeks ago she started typing a long list of numbers and words on a typewriter. By throwing dice (see http://world.std.com/~reinhold/diceware.html) this list allows generating strong yet easily memorable random passphrases – of particular importance for encryption in times with, sigh, corporations, criminals and governments alike delusionally snooping on everyone. During the festival the activist for digital self-defence will continue typing, in the exhibition „Into the Light“ as well as in the streets of Neukölln.
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Material: Olympia SG1, Neckermann Brillant de Luxe 200, Blattaluminium, Aludampfsperre, Aluklebeband, Geschenkpapier, Tortenspitzen, Transparent- und Kohlepapier (aus der DDR^^), Ansichtskarten, Urlaubsdias, Würfel, HTML-Code, PGP-Keys, Zitate, Schreibmaschinentisch
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LINKS

Diceware http://world.std.com/~reinhold/diceware.html
Dicelist deutsch http://world.std.com/~reinhold/diceware_german.txt
Dicelist English http://world.std.com/%7Ereinhold/dicewarewordlist.pdf
Dicelist française http://weber.fi.eu.org/software/diceware/francais.pdf
Dicelist Esperanto https://4d93035d-a-62cb3a1a-s-sites.googlegroups.com/site/esperantajxo/Dajsvara%20Vortlisto%20v20140626.pdf?attachauth=ANoY7coHoT9OcHqUbjxZ7AweStq6hVpv1u3umgMUTGysDrtNVh8jOP7t37ooTKkAiCK5Nx6l8De-wqxHJA3DQB5DDBhzg_CcBrroNjyIze1Wx7TXeU8Tnvb6JYobq2O3RAAXAeD8p0qTNUV1cqZarlQkEqASPsJtdiDh5thfmzB5dEXY1znwKV9A-rNmWPBAuOFRrOVc_-JYpxRfujNQBTxjevdRZSoz_qKRuMdZ8aKImgFJ9jyOpuw%3D&attredirects=0
Dicelist Maori https://github.com/Taipo/MaoriDiceware/blob/master/diceware_maori.txt
Dicelist russisch http://world.std.com/~reinhold/diceware.ru.rtf

George Orwell https://www.goodreads.com/work/quotes/153313-nineteen-eighty-four
Ernst Benda https://de.wikiquote.org/wiki/Ernst_Benda
Constanze Kurz http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/aus-dem-maschinenraum/der-staat-will-online-sicherheitsluecken-nutzen-15056567.html?printPagedArticle=true
padeluun https://digitalcourage.de/blog/2014/du-hast-keine-chance-aber-nutze-sie
Writers against mass surveillance http://www.gutzitiert.de/zitat_autor_writers_against_mass_surveillance_thema_freiheit_zitat_33587.html
Edward Snowden https://en.wikiquote.org/wiki/Edward_Snowden
Benjamin Franklin https://de.wikiquote.org/wiki/Benjamin_Franklin
UN Menschenrechtscharta (Art. 19) https://www.un.org/en/universal-declaration-human-rights/index.htm
Alan Rusbridger / kultur propaganda https://kulturpropaganda.wordpress.com/2013/11/16/soon-beitrag-zu-snowdenart/

GNU PGP encryption https://gnupg.org
Cryptoparty Berlin https://www.cryptoparty.in/berlin

Cyberwelt vs. Demokratie http://www.theeuropean.de/aleksandra-sowa–2/12369-die-schoene-neue-cyberwelt-und-die-alte-demokratie
Netzpolitik / Staatstrojaner https://netzpolitik.org/2017/staatstrojaner-bundestag-beschliesst-diese-woche-das-krasseste-ueberwachungsgesetz-der-legislaturperiode/
Thomas de Maizière auf der Republica 17 https://www.youtube.com/watch?v=iDz0qj2s1po

Olympia Werke https://de.wikipedia.org/wiki/Olympia_Werke
Hebros Schreibmaschine http://oztypewriter.blogspot.com/2012/02/bulgarian-typewriters.html
Typewriter Insurgency http://typewriterinsurgency.webstarts.com/

(tbc & weitere bei Interesse auf Anfrage)

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Q&A

Queen, worum geht‘s in der Installation, was meinst du mit „shadow privacy“?

Du kennst doch auch Leute, mit denen du mobil kommunizierst und die keinen Sperrcode auf dem Handy haben. Wenn du das ansprichst, dann sagen sie: Ja, ich weiss, schon doof, aber naja, wenn‘s weg ist, das ist dann halt mein Problem. Interessiert doch eh keinen, ich hab nichts zu verbergen. Leider tragen wir nicht nur unsere eigenen Daten mit uns rum, sondern auch die von Familie, Freunden, Kollegen, Kundinnen, Geschäftspartnerinnen etal. Das ist die „shadow privacy“, der Schatten unserer Privatsphäre. Und selbst wenn wir einen Crypto-Messenger benutzen, verschlüsselt der nur den Transport – auf den Geräten sind die Daten unverschlüsselt, sonst könnten wir sie nicht lesen. Wer mit anderen kommuniziert, hat also immer etwas zu verbergen.

Das hört sich jetzt aber schon ein bisschen nach Victim Blaming an?

Naja. Die Wohnungstür schließen wir doch auch ab. Während ich die Elemente für die Installation vorbereitet hab, als ich 10.000e von Zeichen getippt hab, da hatte ich viel Zeit, um über Kommunikation in Textform nachzudenken. Die war früher mühselig: Brief schreiben, eintüten, Marke kaufen und kleben, zum Kasten bringen, warten. E-Mail und Messenger dagegen gehen ruck-zuck. Tippen, senden, fertig, das Wlan und der Mobilfunk laufen 24/7 und sind eh schon bezahlt. Und Kopien werden hübsch mehr- fach iwo abgespeichert. Wir freuen uns über die gesparte Zeit – und vergessen dabei, dass wir uns die Ersparnis nicht 100%ig in die Tasche stecken sollten, sondern dass neue, eher kleine Mühen nötig sind, um unsere eigene, aber auch den Schatten der Privatsphäre unserer Kommunikationspartner*innen abzusichern: Sperrcodes auf Laptop, Tablet und Smartphone, Verschlüsselung bei E-Mails, Messengern und Festplatten.

html

Erzähl uns doch noch mehr über die Arbeit. Es geht um Passwortsicherheit, aber wir sehen eine Schreibmaschine, Postkarten, Dias, Transparent- und Kohlepapier, viel Getipptes und eine Menge Aluminium?

Ich gebe den Leuten Gelegenheit, sich anhand der Artefakte assoziativ ihre eigenen Gedanken zum Thema zu machen. Die Urlaubsbilder zum Beispiel, die haben wir früher sicher im Fotoalbum oder im Diamagazin in der Schrankwand aufbewahrt. Auf die Postkarten haben wir nichts draufgeschrieben, was nicht jede*r lesen sollte. Heute haben wir das und noch viel mehr immer auf dem Smartphone dabei – und im schlechtesten Fall eben ohne Sperrcode. Wofür Kohle- und Transparentpapier stehen könnten (original DDR-Material btw), was die Würfel noch bedeuten könnten, und warum Aluminium … da dürft ihr euch alle
selbst noch was dazu denken. Oft kommen dann vom Publikum sogar noch Assoziationen, die passen, die mir aber selbst noch gar nicht bewusst waren.

pgp

Die ganzen Texte und Listen die du abgetippt hast, das sieht kompliziert aus, sind sichere Passwörter und Verschlüsselung wirklich was für jede und jeden?

Na klar. Das ist gar nicht so schwierig. Den Sperrcode kriegen wir doch wohl alle selbst hin. Und meistens kennen wir ja auch wen, die oder der uns bei Router oder Festplatte helfen kann. Für E-Mail-Verschlüsselung gibt es Cryptoparties, auch für anonymen Internetzugang – der Browserverlauf offenbart ja auch ne Menge privates. Und für‘s Messaging gibt es sichere Apps wie Threema, Signal, Wire. Aber auch die sichern unsere Daten nur auf dem Transport, für die Sicherheit auf unseren Devices selbst müssen wir schon selbst sorgen.

Was hat es mit der Methode „Diceware“ auf sich?

Mit Diceware kannst du zufällige, lange Passphrasen erzeugen, die gut merkbar sind. Eine gute Idee für das Wlan-Passwort, alles was mit Verschlüsselung zu tun hat oder auch den Passwort-Manager. Bei Diceware würfelst du ein paar Mal, suchst aus der Dicelist, die es in vielen Sprachen, u.a. auch auf Maori, gibt, die den Zahlen zugeordneten Begriffe raus und hast so mit sechs, sieben Würfen/Wörtern eine ziem- lich sichere Passphrase. Wenn du dann noch Sonderzeichen einfügst oder manche Buch- staben austauschst, wird es noch sicherer.

dicelist

Im Text zur Installation sprichst du auch vom „staatlichen Schnüffelwahn“?

Der Staat möchte ja gerne ganz genau wissen, wer mit wem von wo aus via Internet kommuniziert. Stichwort Vorratsdatenspeicherung, Stichwort Staatstrojaner, Stichwort Online-Durchsuchung, Stichwort Quellen-TKU. Oder Schlangenöl? Privatsphäre gibt es da für dich und mich und unsere Kommunikationspartner*innen nicht mehr. Die TKÜ z.B. soll jetzt nicht nur bei schwersten Straftaten oder Terrorismus zum Einsatz kommen, sondern schon bei „mittelschweren Straftaten“, kann also einen immer größeren Personenkreis und so auch immer mehr Kommunikationspartner*innen betreffen. Es geht da ja immer um alle, seit Jahren auf der Festplatte gespeicherten Daten.

Dass dem Staat vielleicht nur begrenzt zu vertrauen ist, zeigt das Beharren
auf das Ausnutzen von Sicherheitslücken, anstatt durch Offenlegung und Beseitigung für mehr Sicherheit im Internet für uns alle zu sorgen. Dabei hat es „WannaCry“ neulich erst eindrücklich gezeigt: Es ist auf Dauer nicht möglich, die Schadprogramme, die Exploits, vollständig unter Verschluss zu halten. Wir müssen also unsere privaten Daten – und die Schatten der Privatsphäre anderer – nicht nur vor Neugierigen, Gechäftemachern, Betrügern, Verbrechern schützen, sondern auch vor dem Staat. Sicher aufbewahrte starke Passwörter und Passphrasen lösen dieses Problem bei weitem nicht, aber helfen. Und wenn nur die verschlüsseln, die darauf angewiesen sind, das wäre ja geradezu ein Präsentierteller.

Müssen wir also alle Angst haben?

Ach, Angst … Freiheit statt Angst, darum sollte es doch gehen. Grundrechte für erfundene Supergrundrechte einschränken, das ist doch totaler Unfug. Ich möchte, dass wir uns im Internet, in diesem „Neuland“, wohlfühlen können. Dass wir uns drauf freuen können, was wir an neuen Möglichkeiten für Kommunikation, Unterhaltung, Lernen, Arbeiten, Austausch, Kollaboration und Teilhabe bekommen. Und nicht nur Shoppen ^^ Und für Kunst! Und dass wir diese Möglichkeiten auch sicher als Teil unserer Privatsphäre nutzen können. Dazu gehört, dass staatlicherseits unsere Grundrechte geschützt bleiben und uns nicht in Newspeak-Manier Unsicherheit als Sicherheit untergejubelt wird. Dazu gehört aber auch, dass wir uns bewusst machen, dass uns diese neuen Möglichkeiten nicht einfach so wie gebratene Hühner im Schlaraffenland in den offenen Mund fallen, sondern dass sie auch für uns alle neue Verantwortung mit sich bringen.

Das vorstehende als auf der Schreibmaschine getippte, druck- und copy-pastebare Presseinfo, PDF, ca. 600kb. Enjoy!

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